Unter den Dingen, für die sich Marcus Aurelius in seinen Meditationen bedankt, steht ein unscheinbarer Posten: ein Bündel Aufzeichnungen, das ihm sein Lehrer aus der eigenen Sammlung überließ. Es war kein Buch im heutigen Sinn, sondern die Mitschrift eines Unterrichts, gehalten von einem ehemaligen Sklaven namens Epiktet. Jahrzehnte später, als Kaiser in den Feldlagern an der Donau, kam Marcus Aurelius immer wieder auf diese Notizen zurück.
Oft wird Epiktet „der Sklave, der einen Kaiser lehrte“ genannt. Das klingt gut, ist aber ungenau, denn begegnet sind sich die beiden nie. Was Marcus Aurelius von Epiktet wusste, wusste er aus dem geschriebenen Wort.
Gerade darin liegt der Reiz dieser Geschichte. Sie zeigt, wie eine Lehre über Generationen weiterwirken kann, ohne dass Lehrer und Schüler je im selben Raum sitzen. Und wer genau liest, bemerkt noch etwas: Wenn Marcus Aurelius Epiktet zitiert, geht es auffallend oft um die Vergänglichkeit.
Hat Marcus Aurelius Epiktet getroffen? Nein, er kannte nur seine Worte
Epiktet starb um das Jahr 135 nach Christus, zu einer Zeit, als Marcus Aurelius noch ein Junge war. Für eine Begegnung gibt es keinen Hinweis. Dass Epiktet ihn dennoch geprägt hat, bezeugt der Kaiser selbst, gleich im ersten Buch der Meditationen. Dieses Buch ist eine Art Dankesliste: Marcus Aurelius geht darin die Menschen durch, denen er etwas verdankt. Über seinen stoischen Lehrer Quintus Junius Rusticus schreibt er unter anderem:
„… sorgfältig zu lesen und mich nicht mit einem oberflächlichen Verständnis eines Buches zufriedenzugeben, … und dass ich Epiktets Aufzeichnungen kennenlernte, die er mir aus seiner eigenen Sammlung gab.“
Marcus Aurelius, Meditationen, 1.7

An dieser Stelle fallen mir zwei Dinge auf. Das erste ist die Reihenfolge. Marcus Aurelius dankt Rusticus für den Rat, gründlich zu lesen, und unmittelbar danach für das Buch, an dem er diesen Rat erproben konnte. Rusticus hat ihm nicht bloß einen Text gegeben, sondern auch die Haltung, mit der man ihn liest. Im selben Satz steht übrigens, dass er von Rusticus lernte, Vielrednern nicht vorschnell recht zu geben. Wer heute durch Feeds voller stoischer Zitatkarten scrollt, kann diesen Rat gut gebrauchen.
Das zweite ist ein einzelnes Wort. Im griechischen Text steht hypomnemata, also Notizen, Gedächtnisstützen, Aufzeichnungen für den eigenen Gebrauch. Das trifft die Sache genau, denn Epiktet selbst hat nie eine Zeile veröffentlicht.
Wer war Epiktet? Ein Lehrer, der nichts aufschrieb
Epiktet gilt neben Seneca und Marcus Aurelius als einer der drei großen Stoiker der römischen Kaiserzeit. Geboren wurde er um das Jahr 50 in Hierapolis, im Westen der heutigen Türkei. Als Sklave kam er nach Rom, in den Haushalt des Epaphroditos, eines einflussreichen Freigelassenen im Dienst Neros. Er war gehbehindert; ob durch Krankheit oder Misshandlung, darüber sind sich schon die antiken Quellen uneins. Bei dem Stoiker Musonius Rufus lernte er Philosophie, wurde später freigelassen und lehrte selbst in Rom, bis Kaiser Domitian um das Jahr 93 die Philosophen aus der Stadt verwies. Epiktet ging nach Nikopolis in Griechenland und gründete dort eine Schule.
Geschrieben hat er nichts. Sein Schüler Arrian hielt den Unterricht fest, so wörtlich wie möglich und nach eigener Aussage für sich selbst, um die Gedanken seines Lehrers zu bewahren. Von diesen Lehrgesprächen sind vier Bücher erhalten, ursprünglich waren es acht. Auch das Handbüchlein, Epiktets heute bekanntestes Werk, ist eine knappe Auswahl, die auf Arrian zurückgeht.
So entsteht eine bemerkenswerte Kette: der mündliche Unterricht, die Mitschrift eines Schülers, die Sammlung eines Lehrers und schließlich das Notizbuch eines Kaisers. Die Meditationen sind, genau betrachtet, ein Notizbuch, das aus einem anderen Notizbuch gelernt hat.
Wo Marcus Aurelius Epiktet beim Namen nennt
Sucht man in den zwölf Büchern der Meditationen nach Epiktets Namen, findet man ihn außer in der Dankesliste in Buch 4, in Buch 7 und in Buch 11. In Buch 4 heißt es:
„Du bist ein Seelchen, das einen Leichnam herumträgt, wie Epiktet zu sagen pflegte.“
Marcus Aurelius, Meditationen, 4.41
Das Bild ist weniger hart, als es zunächst wirkt. Im Griechischen steht ein Diminutiv, psychárion, und das Wort klingt zugleich zärtlich und nüchtern. Die Seele wird nicht verachtet, sie wird in die richtigen Proportionen gerückt: etwas Kleines, das etwas Vergängliches mit sich trägt.
In Buch 7 erscheint Epiktet in einer Reihe mit Sokrates und dem Stoiker Chrysipp: „Wie viele Chrysippe, wie viele Sokrates, wie viele Epiktete hat die Zeit schon verschlungen!“ Ausgerechnet den Mann, dessen Notizen ihn geprägt haben, zählt Marcus Aurelius hier zu denen, die längst verschwunden sind.
Und in Buch 11, in den Abschnitten 33 bis 38, reiht der Kaiser Sätze aneinander, die sich bei Epiktet nachweisen lassen, und zwar in den Kapiteln 3.24 und 3.22 der Lehrgespräche. Er notiert sie nahezu ohne Kommentar, als hätte er die Aufzeichnungen aufgeschlagen und herausgeschrieben, was ihm wichtig war.
Zählt man zusammen, was Marcus Aurelius auf diese Weise von Epiktet festgehalten hat, kommt man auf acht Stellen: je eine in Buch 4 und Buch 7 und sechs in Buch 11. Fünf davon handeln von Vergänglichkeit: der Leichnam (4.41), die verschlingende Zeit (7.19), die Feige im Winter und das Kind, das einem nicht mehr gegeben ist (11.33), der Kuss (11.34) und die Traube, die zur Rosine wird (11.35). Nur drei betreffen das, wofür Epiktet heute meist zitiert wird: den freien Willen, die Kunst der Zustimmung und die Frage, ob man bei Verstand bleibt (11.36 bis 11.38).
Ein Beweis ist das nicht. Marcus Aurelius hat Epiktet vermutlich oft verwendet, ohne ihn zu nennen, und die Forschung schreibt Epiktet weitere Stellen zu. Meine Zählung stützt sich nur auf die Stellen, die in den gängigen Ausgaben als Epiktet-Zitate ausgewiesen sind. Aber sie wirft eine Frage auf: Warum schreibt ein Kaiser, der aus Epiktets Unterricht vieles hätte übernehmen können, ausgerechnet diese Sätze ab?
Memento mori ohne Kälte: Kapitel 3.24 der Lehrgespräche

Einen Teil der Antwort liefert das Kapitel, aus dem der Kaiser schöpft. Epiktet spricht dort über Dinge, die nicht in unserer Macht stehen, und er wird dabei erstaunlich konkret. Wenn du dein Kind, deinen Bruder oder einen Freund küsst, sagt er, dann lass deiner Vorstellung nicht freien Lauf. Halte sie im Zaum, so wie jene, die beim Triumphzug hinter dem Feldherrn stehen und ihn daran erinnern, dass er sterblich ist. Was du liebst, ist dir nicht für immer gegeben, sondern für eine bestimmte Zeit, so wie eine Feige oder eine Traube zu ihrer Jahreszeit. Wer sie im Winter verlangt, ist ein Narr.
Dann folgt der Satz, den Marcus Aurelius in sein Notizbuch übernimmt:
„Wenn man sein Kind küsst, sagte Epiktet, soll man leise zu sich sagen: ‚Morgen stirbst du vielleicht.‘ Doch das sind Worte, die Unglück bringen. ‚Kein Wort ist ein Unglückswort‘, sagte Epiktet, ‚das ein Werk der Natur bezeichnet. Sonst wäre es auch ein Unglückswort zu sagen, dass die Ähren geerntet werden.‘“
Marcus Aurelius, Meditationen, 11.34
Drei Dinge finde ich daran bemerkenswert. Erstens ein Detail, das der Kaiser weglässt: Epiktet fragt, was es denn schaden solle, diesen Satz beim Küssen mit lispelnder Stimme zu sagen, also in dem Tonfall, in dem man mit kleinen Kindern spricht. Die Übung tritt nicht an die Stelle der Zärtlichkeit, sie geschieht mitten in ihr. Zweitens bleibt der Einwand stehen. Marcus Aurelius notiert das Unbehagen gleich mit, und Epiktet antwortet mit einem Bild aus der Landwirtschaft: Dass die Ähren geerntet werden, ist kein Unglück, sondern ihr natürlicher Lauf. Drittens enthält dasselbe Kapitel eine Aufforderung, der die Meditationen zu folgen scheinen. Diese Gedanken, sagt Epiktet, sollst du bei Tag und bei Nacht bereithalten: Du sollst sie aufschreiben, lesen und mit dir selbst und anderen besprechen.
Genau das hat Marcus Aurelius getan. Die Meditationen sind auch die Antwort eines Kaisers auf diese Aufforderung.
Warum das nicht kalt ist, und was du heute davon hast

Du kennst vermutlich die Kritik am Stoizismus: Er mache gefühlskalt, rede Verluste klein und sei etwas für Menschen, die nicht weinen wollen. Bei einer Übung wie dieser liegt der Verdacht nahe. Wer sich beim Küssen seines Kindes sagt, dass es sterben könnte, scheint sich gegen das eigene Gefühl wappnen zu wollen.
Der Text legt das Gegenteil nahe. Die Übung findet während der Zärtlichkeit statt, nicht an ihrer Stelle, und ihr Ziel ist größere Aufmerksamkeit. Wer sein Kind in einem Moment wirklich als verletzlich und vergänglich wahrnimmt, schaut in diesem Moment kaum nebenbei aufs Handy. Um genau diese Art von Aufmerksamkeit geht es auch in meinem Artikel über Doomscrolling. Und die Meditationen sind ohnehin nicht das Werk eines gefühllosen Menschen. Sie stammen von jemandem, der sich immer wieder daran erinnern musste, dass die Zeit mit anderen kürzer ist, als sie sich im Alltag anfühlt.
Vielleicht kennst du das: Irgendwann trägst du dein schlafendes Kind zum letzten Mal aus dem Auto ins Bett, und erst Monate später wird dir klar, dass es das letzte Mal war. Es gibt das letzte Telefonat mit der Großmutter, das klang wie jedes andere. Es gibt die Sprachnachricht eines verstorbenen Menschen, die du nicht löschen kannst und doch nicht mehr abspielst. Epiktets Übung holt diese Einsicht nach vorn. Sie lässt dich das Kostbare nicht erst im Rückblick erkennen, sondern solange der Mensch noch vor dir steht.
Die Psychologie kennt einen verwandten Effekt. 2008 baten Minkyung Koo, Sara Algoe, Timothy Wilson und Daniel Gilbert Studierende, über ein positives Ereignis in ihrem Leben zu schreiben: entweder darüber, wie es zustande kam, oder darüber, wie es hätte ausbleiben können. Wer sich vorstellte, es wäre nie geschehen, fühlte sich danach besser, obwohl die Teilnehmer das Gegenteil erwartet hatten. In einer weiteren Variante ging es um die eigene Partnerschaft: Wer sich ausmalte, dem Partner nie begegnet zu sein, war anschließend zufriedener mit der Beziehung als diejenigen, die das Kennenlernen nacherzählten.
Die Studie untersuchte weder Epiktet noch den Gedanken an einen künftigen Verlust. Sie zeigt lediglich einen verwandten Mechanismus: Wir schätzen etwas mehr, wenn wir für einen Moment aufhören, es für selbstverständlich zu halten. Weiter würde ich die Parallele nicht treiben.
Wie Marcus Aurelius die Übung zu seiner eigenen machte
Für Marcus Aurelius war Epiktets Übung kein Gedankenspiel. Seine Frau Faustina brachte nach gängiger Zählung mindestens vierzehn Kinder zur Welt, darunter zwei Zwillingspaare, und nur sechs von ihnen erreichten das Erwachsenenalter. In derselben Dankesliste des ersten Buches dankt der Kaiser seinem Lehrer Apollonius dafür, dass er von ihm lernte, auch beim Verlust eines Kindes derselbe zu bleiben. Ein solcher Satz ist nicht aus der Theorie geschrieben.
In Buch 9 zeigt sich, was aus Epiktets Übung bei ihm geworden ist. Die Formulierung stammt vom Kaiser selbst:
„Ein anderer betet: Wie verliere ich meinen kleinen Sohn nicht? Du aber bete: Wie fürchte ich mich nicht davor, ihn zu verlieren?“
Marcus Aurelius, Meditationen, 9.40
Darin liegt eine feine, aber wichtige Verschiebung. Epiktet beschreibt, wie man mit der Tatsache umgeht, dass Menschen sterben. Marcus Aurelius fragt, was die Angst vor diesem Verlust mit ihm selbst macht. Er bittet nicht darum, verschont zu bleiben, und er gibt auch nicht vor, dass es ihm gleichgültig wäre. Er möchte nur nicht, dass die Angst über ihn bestimmt.
Dieselbe Lehre, verschiedene Aufgaben: der Sklave und der Kaiser
Epiktet war Sklave, gehbehindert und zeitweise aus Rom verbannt. Für ihn war die Unterscheidung zwischen dem, was in unserer Macht steht, und dem, was nicht, auch ein Zufluchtsort. Heute spricht man oft von der „Dichotomie der Kontrolle“. „Niemand kann uns den freien Willen rauben“ (11.36): Das sagt jemand, dem man sonst beinahe alles nehmen konnte.
Für Marcus Aurelius hatte dieselbe Lehre eine andere Aufgabe. Er besaß Macht über Leben und Tod, über Heere und ein Weltreich. Ihm drohte weniger der Verlust seiner inneren Freiheit als der Verlust des Maßes. Bei ihm wirkt die Lehre deshalb wie eine Bremse. Das ist meine Deutung, keine gesicherte Tatsache, aber sie würde erklären, warum seine Notizen so selten belehren und so häufig prüfen. Epiktet spricht zu seinen Schülern, Marcus Aurelius zu sich selbst.
Der Unterschied ist sogar im Ton zu hören. Im selben Kapitel 3.24 fährt Epiktet seinen Zuhörer an, sinngemäß: Willst du denn nie aufhören, ein törichtes Kind zu sein? Weißt du nicht, dass jemand, der sich kindisch verhält, umso lächerlicher wirkt, je älter er wird? Der Kaiser dagegen verwandelt die Zurechtweisung in eine Frage an sich selbst, wie in 9.40. Er tadelt nicht, er prüft.
Der französische Philosophiehistoriker Pierre Hadot hat in seinem Buch über die Meditationen (Die innere Burg) die These vertreten, dass Marcus Aurelius Epiktets drei Übungsfelder immer wieder durcharbeitet: das Begehren, das Handeln und die Zustimmung. Es geht darum, anzunehmen, was geschieht, gerecht mit anderen umzugehen und die eigenen Urteile zu prüfen. Trifft das zu, dann sind die Meditationen keine eigene Philosophie für Herrscher, sondern Epiktets Unterricht, gelesen von jemandem, der ihm nicht ausweichen konnte.
Drei stoische Übungen aus dem Notizbuch eines Kaisers
Die folgenden Vorschläge sind keine wissenschaftlich geprüfte Methode. Sie übertragen, was Marcus Aurelius mit Epiktets Aufzeichnungen getan hat, in deinen Alltag. Falls du gerade selbst einen Verlust zu tragen hast, geh behutsam vor und lass die zweite Übung vorerst beiseite.
1. Abschreiben und antworten
Such dir einen Satz, der dir in einem Buch, einem Gespräch oder einer Nachricht begegnet ist und dich nicht loslässt. Schreib ihn vollständig ab, samt Einwand, falls es einen gibt, und notiere darunter eine einzige Zeile als Antwort. Genau so sieht der Abschnitt in Buch 11 aus: Auszüge, kaum Kommentar. Nach ein paar Wochen hast du eine kleine Sammlung, die dir mehr über dich selbst verrät, als du erwartest.
Im Netz passiert meist das Gegenteil. Zitatkarten zeigen den schönen Satz und lassen den Einwand weg. Marcus Aurelius hat ihn mitgeschrieben. Wenn du die Meditationen auf diese Weise lesen möchtest, langsam und mit dem Stift in der Hand, findest du meine Übersetzung der Meditationen auf Amazon. Die kurzen, nummerierten Abschnitte laden geradezu dazu ein, einzeln gelesen und beantwortet zu werden.
2. Ein Abschied, ein Gedanke
Wenn du das nächste Mal jemanden verabschiedest, die Tür hinter einem Besuch schließt oder ein Telefonat beendest, nimm dir zehn Sekunden. Sag dir innerlich: „Dieser Mensch ist sterblich, und jetzt ist er hier.“ Mehr braucht es nicht. Du musst dabei nichts Bestimmtes fühlen und nichts aussprechen. Achte nur darauf, ob sich dein Abschied verändert: ob du einen Moment länger hinsiehst oder das Handy noch kurz in der Tasche lässt.
3. Aus dem Wunsch eine Haltung machen
Nimm einen Wunsch, der dich gerade beschäftigt, etwa „Hoffentlich bekomme ich die Stelle“ oder „Hoffentlich ist der Befund in Ordnung“. Forme ihn so um, wie es Marcus Aurelius in 9.40 tut: „Wie bleibe ich bei mir, wenn es anders kommt?“ Damit gibst du den Wunsch nicht auf. Du fragst nur, wer du sein möchtest, falls die Antwort anders ausfällt. Schreib die neue Frage auf und lass sie ein paar Tage neben der alten stehen.
Ein kleiner Lesepfad durch die Meditationen
Vielleicht hast du jetzt Lust, selbst in den Text einzutauchen. Dafür musst du die Meditationen nicht von der ersten bis zur letzten Seite lesen. Der folgende Pfad führt dich an einem Nachmittag durch die Spuren, die Epiktet bei Marcus Aurelius hinterlassen hat. Wer danach Epiktet im Original kennenlernen möchte, beginnt am besten mit Kapitel 3.24 seiner Lehrgespräche, das sich an einem Abend lesen lässt.
Was von Notizbüchern bleibt
Ein Detail dieser Geschichte lässt mich nicht los. In Buch 7 rechnet Marcus Aurelius Epiktet zu den Menschen, die die Zeit bereits verschlungen hat. Damit hat er recht: Epiktet hat kein Buch hinterlassen, keine einzige Zeile von eigener Hand. Und doch lesen wir ihn bis heute, weil ein Schüler mitschrieb, ein Lehrer die Aufzeichnungen aufbewahrte und ein Kaiser abschrieb, was ihn nicht losließ.
Philosophie, die überdauert, besteht oft nicht aus großen Systemen, sondern aus Notizen: aus dem, was jemand für sich festhielt, weil er es brauchte. Der Stoizismus der römischen Kaiserzeit war, wie Hadot zeigt, weniger ein Lehrgebäude als eine Lebenspraxis, und zu dieser Praxis gehörte das Schreiben. Auch deshalb lohnt es sich, die Meditationen ganz zu lesen und nicht nur ihre berühmtesten Sätze. Sie sind kein Nachschlagewerk, sondern das Selbstgespräch eines Menschen, der es ernst meinte. Wenn du dieses Gespräch fortsetzen möchtest, findest du es in meiner Übersetzung der Meditationen von Marcus Aurelius. Beginne mit einer einzigen Stelle, schreib sie ab und antworte ihr.
Vielleicht entsteht dabei eines Tages etwas, das auch ein anderer Mensch weitergeben möchte.
